Entwicklungstheorien

Lawrence Kohlberg: Moralentwicklung & Stufenmodell erklärt

Kohlberg Moralentwicklung verständlich erklärt: die sechs Stufen in drei Ebenen, das Heinz-Dilemma und Gilligans Kritik sowie Praxis- und Prüfungstipps für Erzieher.

Aktualisiert: Juni 2026

Die Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg beschreibt, wie sich das moralische Urteilen im Laufe des Lebens in sechs Stufen entwickelt, die zu drei Ebenen zusammengefasst sind: der präkonventionellen, der konventionellen und der postkonventionellen Ebene. Entscheidend ist dabei ein zentraler Gedanke: Kohlberg interessiert sich nicht dafür, was jemand entscheidet, sondern wie er seine Entscheidung begründet. Die Art der Begründung verrät die moralische Stufe. Untersucht hat er das mit moralischen Dilemma-Geschichten, allen voran dem berühmten Heinz-Dilemma. Kohlberg baut direkt auf Piaget auf. Für deine Arbeit als Erzieher ist vor allem die präkonventionelle Ebene relevant, weil sich Kita-Kinder typischerweise dort befinden.

Person & Kontext

Lawrence Kohlberg (1927–1987) war ein amerikanischer Psychologe. Er knüpfte an Piagets Forschung zur moralischen Urteilsfähigkeit an und entwickelte daraus ein umfassendes Stufenmodell mit sechs Stufen in drei Ebenen.

Sein Untersuchungsgegenstand war ausdrücklich das moralische Urteilen, nicht das moralische Handeln. Um die Begründungen von Menschen zu erfassen, legte er ihnen moralische Konflikte vor – Dilemmata, bei denen es kein einfaches Richtig oder Falsch gibt.

Die Dilemma-Methode und Kernkonzepte

Das bekannteste Dilemma ist das Heinz-Dilemma: Heinz’ Frau ist schwer krank, ein Apotheker verlangt für das rettende Medikament einen Preis, den Heinz nicht zahlen kann, und bleibt trotz aller Bitten hart. Soll Heinz das Medikament stehlen? Kohlberg wertet nicht aus, ob jemand “ja” oder “nein” sagt, sondern warum.

Definition – Moralische Entwicklung: Die Entwicklung der Fähigkeit, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, moralische Urteile zu fällen und sie zu begründen. Es geht nicht darum, was jemand entscheidet, sondern wie er es begründet. (nach Kohlberg)

Definition – Präkonventionelle Moral: Die unterste Ebene, auf der noch keine eigenen moralischen Maßstäbe verinnerlicht sind. Das Kind orientiert sich an den unmittelbaren Folgen seines Handelns wie Strafe oder eigenem Nutzen. (nach Kohlberg)

Definition – Postkonventionelle Moral: Die oberste Ebene, auf der die Person eigene, über gesellschaftliche Konventionen hinausgehende Prinzipien entwickelt hat und Gesetze an übergeordneten Werten messen kann. (nach Kohlberg)

Das Modell folgt klaren Prinzipien: Die Stufen werden immer in derselben Reihenfolge durchlaufen, keine wird übersprungen, jede Stufe ist eine qualitativ andere Art zu urteilen, und höhere Stufen integrieren niedrigere. Die meisten Erwachsenen urteilen auf Stufe 3 oder 4. Fortschritt entsteht durch kognitive Konflikte – die Konfrontation mit höherstufigen Argumenten.

Das Stufenmodell

EbeneStufeOrientierungTypisches AlterBeispiel (Heinz-Dilemma)
Präkonventionell1 Strafe/Gehorsam”Richtig ist, was nicht bestraft wird”ca. 2–6 J.”Nicht stehlen, sonst kommt er ins Gefängnis”
Präkonventionell2 Instrumentell”Richtig ist, was mir nützt”ca. 6–10 J.”Stehlen, weil er seine Frau braucht”
Konventionell3 Interpersonal”Richtig ist, was andere erwarten”ca. 10–15 J.”Stehlen, ein guter Ehemann täte das”
Konventionell4 Gesetz/Ordnung”Richtig ist, was die Gesetze sagen”ab Jugend”Nicht stehlen, Stehlen ist illegal”
Postkonventionell5 Sozialvertrag”Richtig ist, was demokratisch vereinbart ist”wenige”Recht auf Leben wiegt schwerer als Eigentum”
Postkonventionell6 Universelle Prinzipien”Richtig ist, was universeller Gerechtigkeit entspricht”sehr wenige”Menschenwürde verlangt, die Frau zu retten”

Auf der präkonventionellen Ebene richtet sich das Kind nach Strafe (Stufe 1) und persönlichem Nutzen (Stufe 2: “Wie du mir, so ich dir”). Auf der konventionellen Ebene hat es die Erwartungen der Bezugsgruppe verinnerlicht: Es will brav sein (Stufe 3) oder hält Gesetze und Regeln für notwendig (Stufe 4). Auf der postkonventionellen Ebene entwickelt die Person eigene Prinzipien, die über Konventionen hinausgehen – Stufe 5 versteht Gesetze als veränderbare Übereinkünfte, Stufe 6 orientiert sich an universellen Prinzipien wie Menschenwürde. Kohlberg räumte selbst ein, dass Stufe 6 empirisch kaum nachweisbar ist und eher ein theoretisches Ideal darstellt.

Bedeutung für die pädagogische Praxis

In der Kita arbeitest du vor allem mit Kindern auf der präkonventionellen Ebene. Trotzdem kannst du moralische Entwicklung gezielt fördern: durch altersangemessene Dilemma-Diskussionen, durch das Plus-1-Prinzip (Argumente eine Stufe über dem aktuellen Niveau), durch Partizipation bei der Regelfindung, durch die Förderung von Perspektivübernahme und Empathie und durch deine eigene Vorbildfunktion bei fairen Konfliktlösungen.

Fallbeispiel: Im Morgenkreis berichtet die fünfjährige Mia stolz: “Ich habe Tom nicht gehauen, weil man sonst in die Ecke muss.” Du erkennst daran Stufe 1 (Strafe-Gehorsam): Mia vermeidet das Hauen aus Angst vor der Konsequenz, nicht aus Einsicht. Statt es dabei zu belassen, ergänzt du behutsam ein Argument der nächsten Stufe (“Wie glaubst du, hat sich Tom gefühlt, als ihr euch vertragen habt?”). Damit wendest du das Plus-1-Prinzip an: Du bietest eine Begründung an, die etwas über Mias aktuellem Niveau liegt, und förderst so den Übergang zu einer empathischeren, perspektivenübernehmenden Moral.

Kritik & Einordnung

Kohlbergs Modell wird in mehreren Punkten kritisiert. Seine Studien beruhten überwiegend auf männlichen Probanden. Carol Gilligan kritisierte, dass das Modell eine eher “männliche” Gerechtigkeitsmoral bevorzuge und die Fürsorgemoral (Care-Ethik) mit Fokus auf Beziehungen, Verantwortung und Mitgefühl vernachlässige – beide Orientierungen seien wertvoll und kämen bei allen Geschlechtern vor. Außerdem bevorzugt das Modell westliche, individualistische Werte. Es untersucht nur das Urteilen, nicht das Handeln – beides stimmt nicht immer überein. Und es überbetont die Kognition, während Emotionen wie Empathie und Scham eine größere Rolle spielen, als Kohlberg einräumt. Für die Praxis solltest du daher sowohl Gerechtigkeits- als auch Fürsorgeaspekte berücksichtigen.

In der Prüfung

Kohlberg wird oft mit Fallbeispielen oder im Bezug zu Piaget und Gilligan geprüft. Typische Aufgaben:

  • “Ordne die Aussagen der Kinder im Fallbeispiel den Stufen der Moralentwicklung zu.”
  • “Erläutere, wie du die moralische Entwicklung von Kindern förderst.”
  • “Setze Kohlbergs Stufenmodell in Beziehung zu Piagets kognitiver Entwicklung.”
  • “Diskutiere Gilligans Kritik an Kohlbergs Modell.”

Worauf du achten solltest:

  • Betone, dass die Begründung zählt, nicht die Entscheidung.
  • Lerne die drei Ebenen mit ihren je zwei Stufen.
  • Erkläre das Plus-1-Prinzip als zentrale Fördermethode.
  • Nenne Gilligans Fürsorgemoral als wichtige Ergänzung.

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Häufige Fragen

Was beschreibt Kohlbergs Moralentwicklung?

Sie beschreibt, wie sich das moralische Urteilen in sechs Stufen entwickelt, die in drei Ebenen gegliedert sind: präkonventionell, konventionell und postkonventionell. Entscheidend ist nicht, was jemand entscheidet, sondern wie er sein Urteil begründet.

Was ist das Heinz-Dilemma?

Eine moralische Dilemma-Geschichte, in der Heinz überlegt, ob er ein Medikament für seine kranke Frau stehlen soll. Kohlberg wertet nicht die Entscheidung aus, sondern die Begründung – sie zeigt die moralische Entwicklungsstufe.

Welche drei Ebenen unterscheidet Kohlberg?

Die präkonventionelle Ebene (Orientierung an Strafe und Nutzen), die konventionelle Ebene (Orientierung an Erwartungen und Gesetzen) und die postkonventionelle Ebene (Orientierung an selbst gewählten Prinzipien).

Was ist das Plus-1-Prinzip?

Beim Plus-1-Prinzip bietest du Argumente an, die genau eine Stufe über dem aktuellen moralischen Niveau des Kindes liegen. Das erzeugt einen kognitiven Konflikt und fördert die moralische Weiterentwicklung.

Was kritisiert Carol Gilligan an Kohlberg?

Gilligan kritisiert, dass Kohlbergs Modell eine eher 'männliche' Gerechtigkeitsmoral bevorzuge und die Fürsorgemoral mit Fokus auf Beziehungen und Verantwortung vernachlässige. Beide Orientierungen kommen bei allen Geschlechtern vor.

Wie hängt Kohlberg mit Piaget zusammen?

Kohlberg baut direkt auf Piagets Arbeiten zur moralischen Urteilsfähigkeit auf und erweitert sie zu einem Stufenmodell. Moralisches Urteilen setzt entsprechende kognitive Entwicklung voraus.

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