Pädagogische Ansätze

Offene Arbeit in der Kita: Prinzipien, Praxis & Kritik

Offene Arbeit einfach erklärt: Funktionsräume, Bezugserziehersystem und Partizipation statt fester Gruppen. Mit Vergleich, Kritik und Prüfungstipps.

Aktualisiert: August 2026

Offene Arbeit beschreibt kein einzelnes Bildungsprogramm, sondern eine veränderte Organisationsform des Kita-Alltags: Statt in einer festen Gruppe mit eigenem Gruppenraum verbringen die Kinder ihren Tag in unterschiedlichen Funktionsräumen, die sie nach eigenem Interesse aufsuchen. Als Fachkraft übernimmst du damit zwei Rollen zugleich: Verantwortung für einen Funktionsbereich und dauerhafte Begleitung einer festen Kindergruppe als Bezugsperson. Dahinter steht ein Bild vom Kind, das Wahlfreiheit und Mitbestimmung als Voraussetzung für echte Selbstständigkeit versteht. Für die Erzieher-Abschlussprüfung lohnt sich ein genauer Blick auf dieses Konzept, weil es in vielen Einrichtungen bereits gelebte Praxis ist und gern mit dem Situationsansatz verglichen wird.

Entstehung und Verbreitung

Seit den 1980er-Jahren hat sich in deutschen Kitas eine Gegenbewegung zur starren Gruppeneinteilung etabliert, die heute unter dem Namen Offene Arbeit bekannt ist. Zu den Personen, deren Arbeit das Konzept fachlich geprägt hat, zählen Gerhard Regel und Axel Jan Wieland; organisatorisch gebündelt wird die fachliche Weiterentwicklung heute im Fachverband netzwerk offene arbeit. Kaum ein anderes Konzept gewinnt in den vergangenen Jahren so schnell an Einrichtungen wie dieses – nicht zuletzt, weil es sich gut mit Inklusions- und Partizipationsansprüchen verbinden lässt.

Grundprinzipien

Definition – Offene Arbeit: Organisationsform der Kita-Pädagogik, bei der feste Gruppenstrukturen zugunsten frei zugänglicher Funktionsräume aufgelöst werden. Ort, Spielgruppe, Beschäftigung und Zeitdauer legt das Kind größtenteils selbst fest; dahinter steht die Haltung, dass Kinder eigene Entscheidungen bereits früh sinnvoll treffen können. (Offene Arbeit)

Definition – Funktionsräume: Themenbezogen eingerichtete Räume (etwa Bau-, Rollenspiel- oder Forscherbereich), die allen Kindern der Einrichtung offenstehen und jeweils von einer Fachkraft mit fachlichem Schwerpunkt betreut werden. (Offene Arbeit)

Definition – Bezugserziehersystem: Struktur, in der jedem Kind eine feste erwachsene Bezugsperson zugeordnet ist, die für Eingewöhnung, Elterngespräche und emotionale Verlässlichkeit zuständig bleibt, obwohl das Kind sich frei zwischen den Funktionsräumen bewegt. (Offene Arbeit)

Typische Funktionsräume sind unter anderem ein Bau- und Konstruktionsbereich, ein Atelier für kreatives Gestalten, ein Rollenspielraum, ein Bewegungsraum, ein Forscherbereich für Naturmaterial und Experimente sowie ruhigere Zonen wie Leseecke oder Kuschelbereich. Wie viele Räume eine Einrichtung anbietet, hängt stark von den baulichen Möglichkeiten ab – ein wichtiger Punkt, den du bei der Bewertung des Konzepts mitdenken solltest.

Praxis im Kita-Alltag

In der Offenen Arbeit bestimmen Kinder größtenteils selbst, in welchem Bereich sie sich gerade befinden möchten, welche Kinder sie dabei begleiten, welcher Beschäftigung sie nachgehen und wie lange sie dabei bleiben. Damit diese Freiheit nicht in Beliebigkeit umschlägt, braucht es klare Strukturen: Am Morgen treffen sich Kinder oft zunächst in ihrer Bezugsgruppe zu einem kurzen Ritual, bevor sie sich auf die Funktionsräume verteilen. Die Bezugsperson bleibt dabei ansprechbar und behält im Blick, in welchem Bereich sich “ihre” Kinder gerade befinden.

Ein zweites tragendes Element ist die Beteiligung der Kinder an Entscheidungen. In Kinderkonferenzen oder einem Kinderrat werden Regeln, Raumgestaltung oder gemeinsame Vorhaben besprochen, Beschwerden können strukturiert geäußert werden, und Aufgaben wie Tischdienst oder das Aufräumen eines Bereichs übernehmen die Kinder zunehmend selbst. So verbindet sich die räumliche Offenheit mit einem demokratischen Miteinander.

Chancen und Grenzen

Offene Arbeit eröffnet Kindern Zugang zu deutlich mehr Räumen, Materialien und potenziellen Spielpartner:innen, als es eine einzelne Gruppe je könnte. Auch das Selbstbild der Kinder profitiert: Wer täglich erlebt, dass die eigene Wahl tatsächlich zählt, traut sich mit der Zeit mehr eigenständige Schritte zu. Im Team zeigt sich ein weiterer Vorteil: Fachkräfte können sich fachlich auf einen Bereich spezialisieren, statt alle Bildungsbereiche gleichermaßen abdecken zu müssen.

Diese Offenheit hat aber auch ihren Preis. Fachteams müssen sich untereinander deutlich enger abstimmen, denn niemand kann mehr an einer einzigen Gruppenliste ablesen, wo sich ein bestimmtes Kind gerade aufhält. Besonders für Kinder, deren Bindung zu Erwachsenen noch nicht gefestigt ist, kann das Fehlen einer festen Anlaufstelle verunsichernd wirken; manche wandern zudem ohne erkennbares Ziel von einem Bereich zum nächsten, statt sich auf ein Thema einzulassen. Hinzu kommt: Ohne ausreichend unterschiedliche, sinnvoll aufgeteilte Räume lässt sich das Konzept kaum überzeugend umsetzen. Und nicht jede Familie ist sofort überzeugt: Ohne gewohnte Gruppenstrukturen wirkt der Alltag auf manche Eltern zunächst unübersichtlich.

Rolle der Erzieher:in

Als Fachkraft nimmst du in der Offenen Arbeit zwei Rollen gleichzeitig ein. In deinem Funktionsraum bist du fachliche Ansprechperson und gestaltest ein anregendes, gut sortiertes Angebot für alle Kinder der Einrichtung, die diesen Bereich besuchen. Als Bezugserzieher:in für eine feste Gruppe von Kindern trägst du zusätzlich Verantwortung für Bindung, Beobachtung der Gesamtentwicklung und den Kontakt zu den Familien. Diese doppelte Aufgabe verlangt gute Absprachen im Team, denn nur wenn alle Bezugspersonen und Bereichsverantwortlichen sich austauschen, bleibt trotz offener Strukturen der Blick auf das einzelne Kind gewahrt.

Praxisbezug & Fallbeispiel

Der fünfjährige Kian hält sich in den ersten Wochen nach der Umstellung auf Offene Arbeit fast ausschließlich im Bewegungsraum auf und meidet ruhigere Bereiche wie das Atelier oder die Leseecke. Seine Bezugserzieherin bemerkt dieses Muster in den täglichen kurzen Austauschrunden mit dem Team und spricht in einem ruhigen Moment mit Kian darüber, was ihn am Bewegungsraum besonders reizt. Gemeinsam verabreden sie, dass Kian sie einmal in der Woche zu einem anderen Funktionsraum begleitet, ohne dass ihm die freie Wahl grundsätzlich genommen wird.

Nach einigen Wochen entdeckt Kian im Forscherbereich Freude am Experimentieren mit Wasser und Sand und sucht diesen Raum von sich aus regelmäßig auf. Das Beispiel zeigt, wie die Bezugsperson trotz offener Strukturen genau hinschaut, ohne die Selbstbestimmung des Kindes zu untergraben – ein zentraler Balanceakt der Offenen Arbeit.

In der Prüfung

Typische Prüfungsfragen und Hinweise:

  • “Inwiefern stärkt das Konzept der Funktionsräume die Selbstständigkeit von Kindern?” Beschreibe Funktionsräume, Wahlfreiheit und das demokratische Menschenbild dahinter.
  • “Mit welchen strukturellen Maßnahmen lässt sich verlässliche Bindung sichern, obwohl Kinder sich frei zwischen Bereichen bewegen?” Gehe konkret auf das Bezugserziehersystem und die Rolle der festen Bezugsperson ein.
  • “Worin unterscheiden sich Offene Arbeit und Situationsansatz in ihrer Organisationslogik?” Situationsansatz setzt inhaltlich an Lebenssituationen an, Offene Arbeit verändert primär die Organisationsform.
  • Tipp: Nenne konkrete Grenzen wie Orientierungsschwierigkeiten für jüngere Kinder oder den höheren Koordinationsaufwand im Team – reine Lobreden wirken in der Prüfung unglaubwürdig.
  • Tipp: Verknüpfe das Thema mit Partizipation und Inklusion (Kinderkonferenzen, Beschwerdemanagement) sowie mit Konzeptionsentwicklung und Teamarbeit.

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Häufige Fragen

Was bedeutet Offene Arbeit in der Kita?

Offene Arbeit ist ein Konzept, bei dem feste Gruppenräume durch frei wählbare Funktionsräume ersetzt werden. Kinder entscheiden selbst, wo, mit wem und woran sie sich beschäftigen, während eine feste Bezugsperson die emotionale Bindung sichert.

Was sind Funktionsräume?

Funktionsräume sind thematisch eingerichtete Bereiche wie Bauraum, Atelier, Bewegungsraum oder Forscherraum, in denen Kinder gruppenübergreifend spielen und lernen können. Jeder Raum wird meist von einer Fachkraft mit besonderem Schwerpunkt betreut.

Wie wird Bindung in der Offenen Arbeit gesichert?

Über das Bezugserziehersystem: Jedes Kind hat eine feste Bezugsperson, die für Eingewöhnung, Entwicklungsgespräche und Elternkontakte zuständig ist und den Überblick behält, in welchem Bereich sich das Kind gerade aufhält.

Welche Kritik gibt es an der Offenen Arbeit?

Diskutiert werden vor allem Orientierungsprobleme bei Kindern mit noch wenig gefestigter Bindung, ein steigender Abstimmungsaufwand im Team ohne feste Gruppenzuordnung sowie hohe Anforderungen an Räume und Organisation.

Wie unterscheidet sich Offene Arbeit vom Situationsansatz?

Der Situationsansatz setzt inhaltlich an den Lebenssituationen der Kinder an und arbeitet meist innerhalb einer Gruppe. Offene Arbeit verändert vor allem die Organisationsform – weg von festen Gruppen hin zu frei wählbaren Funktionsräumen.

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