In dieser letzten Lektion zu Lernfeld 2 geht es um das Zusammenspiel innerhalb der Kindergruppe: wie sich eine Gruppe im Laufe der Zeit entwickelt, welche Rollen einzelne Kinder darin einnehmen, wie Konflikte pädagogisch begleitet werden können und wie Übergänge zwischen verschiedenen Lebensphasen gelingen. Alle vier Themen tauchen in der Prüfung gern kombiniert auf, etwa in einer Fallsituation, die gleichzeitig Gruppendynamik und einen konkreten Konflikt beschreibt. Einen Überblick über die weiteren Themen dieses Lernfelds bietet der Artikel Lernfeld 2: Pädagogische Beziehungen.
Gruppenentwicklung nach Tuckman
Kindergruppen durchlaufen nach dem Modell von Bruce Tuckman typischerweise fünf Phasen:
| Phase | Woran man sie erkennt | Aufgabe der Fachkraft |
|---|---|---|
| Forming | Kinder tasten sich vorsichtig ab, noch fehlt gegenseitiges Vertrauen | erste Sicherheit vermitteln, Regeln vorstellen |
| Storming | es kommt zu Streit um Positionen und Einfluss innerhalb der Gruppe | dabeibleiben, Halt geben, nichts vorschnell glätten |
| Norming | ein gemeinsames Wir-Gefühl entsteht, Regeln setzen sich durch | das entstehende Miteinander bestärken |
| Performing | die Gruppe funktioniert von selbst und erledigt Aufgaben gemeinsam | sich zurücknehmen, Spielraum lassen |
| Adjourning | die Gruppe trennt sich, zum Beispiel beim Schulwechsel | den Abschied würdigen, den nächsten Schritt begleiten |
Wichtig für die Prüfung: Diese Reihenfolge ist keine Einbahnstraße. Kommt ein neues Kind dazu oder verabschiedet sich ein prägendes Gruppenmitglied, kann eine Gruppe unvermittelt in eine frühere Phase zurückfallen – nach den Sommerferien etwa beginnen viele Gruppen wieder bei null. Reibereien während der Storming-Phase zeigen dabei kein Scheitern der pädagogischen Arbeit an: Sie gehören zur Entwicklung dazu. Wer sie unterdrückt, verhindert, dass die Gruppe überhaupt zu einem stabilen Miteinander findet.
Rollen innerhalb der Gruppe
Neben der Gruppenentwicklung als Ganzes lohnt sich der Blick auf einzelne Rollen, die Kinder im Gefüge der Gruppe übernehmen:
| Rolle | Wie sie sich zeigt | Pädagogischer Umgang |
|---|---|---|
| stilles Kind | hält sich zurück, beobachtet aber sehr genau | behutsam Türen öffnen, ohne Druck aufzubauen |
| Clown | bringt die Runde zum Lachen, übertreibt es manchmal | Humor würdigen, dahinterliegendes Bedürfnis erkennen |
| Anführer/in | gibt häufig vor, was als Nächstes gespielt wird | Verantwortungsgefühl anerkennen, Grenzen bei Übergriffen setzen |
| Außenseiter/in | tut sich schwer, in der Gruppe anzukommen | aktiv Kontakte stiften, vorhandene Stärken zeigen |
| Mitläufer/in | ordnet sich lieber unter, statt selbst zu entscheiden | eigenständige kleine Entscheidungen zutrauen |
Solche Rollen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern hängen stark vom jeweiligen Kontext ab. Fachkräfte sollten deshalb vermeiden, ein Kind dauerhaft auf eine einzige Rolle festzulegen. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Außenseiter-Position: Anhaltender sozialer Ausschluss kann das Selbstwertgefühl eines Kindes erheblich schwächen.
Konflikte als Lernchance und Mediation
Konflikte gehören zur kindlichen Entwicklung dazu und sind grundsätzlich etwas Positives: An ihnen üben Kinder, für sich selbst einzustehen, Kompromisse auszuhandeln und sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Wichtiger als die Frage, ob überhaupt Streit entsteht, ist deshalb, wie er begleitet wird. Mit dem Alter verändert sich auch die Art, wie Kinder mit Konflikten umgehen: Ein- bis Zweijährige greifen meist zu körperlichen Mitteln wie Ziehen oder Schubsen, Drei- bis Vierjährige versuchen zunehmend, ihr Anliegen in Worte zu fassen, brauchen dabei aber noch Begleitung, und ab etwa fünf oder sechs Jahren gelingt vielen Kindern eine einfache Lösung schon ohne fremde Hilfe.
Für die Begleitung von Kindern hat sich ein vereinfachter, fünfstufiger Ablauf bewährt:
| Schritt | Ziel | Mögliche Formulierung |
|---|---|---|
| Stopp | die Situation unterbrechen, erst einmal Ruhe schaffen | – |
| Zuhören | beide Seiten schildern lassen, was vorgefallen ist | „Was ist passiert?” |
| Gefühle benennen | ansprechen, wie sich jede Seite dabei gefühlt hat | „Wie war das für dich?” |
| Lösung suchen | gemeinsam nach möglichen Auswegen fragen | „Was könntet ihr jetzt machen?” |
| Vereinbarung | sich auf eine Lösung festlegen und sie umsetzen | „Passt das für euch beide?” |
Zentral ist dabei der Grundsatz der Allparteilichkeit: Die Fachkraft stellt sich auf keine der beiden Seiten, sondern begegnet beiden Kindern mit demselben Verständnis – auch demjenigen, das den Streit begonnen hat. Die Frage „Was würde euch jetzt beiden helfen?” führt meist weiter als die Suche nach dem Schuldigen.
Ein Beispiel: Die zweijährige Nele beißt beim Spielen ein anderes Kind. Fachlich angemessen ist es, das Beißen sofort zu unterbinden, sich zunächst dem betroffenen Kind zuzuwenden und Nele anschließend Worte für ihr Gefühl anzubieten – etwa „Du kannst auch laut Nein sagen” – statt sie zu bestrafen oder wegzuschicken. In diesem Alter fehlt meist einfach die Sprache, um Ärger auszudrücken, nicht der gute Wille.
Übergänge (Transitionen) nach Griebel und Niesel
Wilfried Griebel und Renate Niesel beschreiben Übergänge wie den Start in die Krippe, den Wechsel in die Kita oder später in die Schule als Prozess, der sich zeitgleich auf drei Ebenen abspielt: der individuellen Ebene, auf der eigene Gefühle und das Selbstbild ins Wanken geraten; der interaktionalen Ebene, auf der sich Beziehungen und die eigene Rolle in der Gruppe neu ordnen; und der kontextuellen Ebene, auf der sich das gesamte Umfeld und die Institution verändern. Fachkräfte können solche Übergänge auf mehreren Wegen erleichtern: durch Vorhersehbarkeit, etwa feste Besuchstage im Vorfeld; durch Kontinuität, etwa ein vertrautes Übergangsobjekt oder gewohnte Rituale; und dadurch, dass sie dem Kind zutrauen, den Wechsel zu bewältigen. Wichtig ist außerdem, die Eltern mitzudenken: Auch für sie bedeutet dieser Schritt eine spürbare Umstellung.
Der Wechsel von der Kita in die Schule gilt dabei als besonders einschneidend, weil das Kind von einer eher spielorientierten in eine stärker leistungsorientierte Institution wechselt. Entscheidend für diesen Schritt ist fachlich betrachtet nicht das frühzeitige Üben schulischer Inhalte, sondern der Aufbau von Übergangskompetenzen wie Selbstständigkeit, Frustrationstoleranz, der Fähigkeit, sich Hilfe zu holen, und der Zuversicht, neue Dinge lernen zu können.
Das Wichtigste für die Prüfung
- Tuckmans fünf Phasen lauten Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning – einzelne Gruppen fallen dabei mitunter in einen früheren Zustand zurück.
- Reibereien während der Storming-Phase gehören zur normalen Gruppenentwicklung dazu, sie sind kein Zeichen für schlechte pädagogische Arbeit.
- Das fünfschrittige Mediationsvorgehen folgt Stopp, Zuhören, Gefühle benennen, Lösung suchen und Vereinbarung – geleitet vom Prinzip der Allparteilichkeit.
- Griebel und Niesel unterscheiden bei Transitionen die individuelle, die kontextuelle und die interaktionale Ebene.
- Beim Übergang Kita–Schule zählen Übergangskompetenzen wie Selbstständigkeit und Frustrationstoleranz mehr als vorgezogener Schulstoff.
Wissen anwenden statt nur lesen
Trainiere mit hunderten weiteren prüfungsnahen Fragen im Online-Testtrainer.
Teste dein Wissen zu dieser Lektion
Beantworte alle Fragen nacheinander – mit sofortigem Feedback und Erklärung. Ab 60 % richtigen Antworten gilt die Lektion als abgeschlossen.